Anfang März 2024 wurde die neue Orgel in der Gemeinde Schorndorf fertiggestellt und soll am 24. März im Rahmen einer Orgelmatinee vorgestellt werden. Die Pfeifenorgel überrascht unter gleich mehreren Gesichtspunkten.
Die Orgel steht auf der Ostseite hinter einer textilen Bespannung, dadurch ist ein Großteil der Prospektpfeifen verdeckt. Ein Instrument ohne große sichtbare Pfeifen ist ungewöhnlich, doch nicht ohne Vorbild in der Orgelbaugeschichte. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts konnte dies in Domkirchen gerade bei Instrumenten mit spätromantischem Klang angetroffen werden. Einem solchen romantischen, weichen und fülligen Klangideal folgt die Auswahl der Register und Klangfarben der Schorndorfer Orgel.
Ungewöhnlich ist, dass die Pfeifen nicht neu sind: Sie wurden einem englischen Instrument entnommen, das 1904 für die methodistische Kirche in Sheffield von Brindley & Foster gebaut wurde. Jedoch wurde die Technik vom Spieltisch über Windladen, Trakturen, Schwellgehäuse und äußerem Gehäuse mit hohem Qualitätsanspruch und passend auf die Situation vor Ort durch Andreas Schmutz Orgelbau, Römerstein-Donnstetten, neu gebaut.
Die für den romantischen Klang wesentlichen Pfeifen sind dabei unverändert, weil in ihnen auch eine außerordentliche europäische Synthese verwirklicht wurde. Der Orgelbauer Charles Brindley hatte wie viele Orgelbauer der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in England den deutschen Orgelbauer Edmund Schulze zum Vorbild, was etwa an einigen deutschen Registernamen wie Hohlflöte, Lieblich Gedact, Rohr Gedact oder Viola di Gamba sichtbar wird. Diese „deutsch-romantischen“ Register sind mit typischen „englischen“ Klangfarben wie „Dulciana“, „Open Diapason“ und „Fifteenth“ verbunden. Und: Aus dem französischen Orgelbau stammen nicht nur Klangfarben wie die schwebende Voix Celestes oder die überblasende Flute Octaviente, sondern auch die Registeranordnung:
Im unteren Manual stehen einige Grundstimmen, der Hauptteil der kräftigen und obertonreichen Klänge mit Mixtur und drei Zungenstimmen ist im großen Schwellgehäuse auf dem oberen Manual spielbar und zum unteren Manual oktavversetzt zuschaltbar. Um die Möglichkeiten weiter zu vergrößern, sind die Tonumfänge beider Manuale um eine halbe Oktave erweitert.
Die Orgel ist also eine ungewöhnliche Synthese aus den großen europäischen Traditionen des 19. Jahrhunderts.
Die Orgel wurde in besonderer Zeit gebaut: Eingeschränkt durch Corona-Pandemie und Brexit verzögerten die Lieferung der Pfeifen und die Fertigstellung der neuen Werkstatt des Orgelbauers, in dem die Orgel als erstes Projekt entstand. Denn als weiteres Orgelmerkmal brauchen die längsten der 1188 Pfeifen mit über 5 Metern Länge (offener 16‘ im Pedal) sowohl eine große Kirche wie auch hohe Werkstatträume.
Die Orgel wurde am 5. März 2024 fertiggestellt, erklang erstmals im Gottesdienst am 6. März 2024 und wird Interessierten bei der Orgelmatinee am 24. März 2024 präsentiert (Youtube Live-Stream, Video mit Klangbeispielen und Registrierangaben)
Quelle: Texte des Orgelsachverständigen Andreas Ostheimer
Swell (Schwellwerk)
1 Voix Celestes 8‘
2 Geigen Diapason 8‘
3 Viola di Gamba 8‘
4 Salicet 4‘
5 Rohr Gedact 8‘
6 Mixture 3f.
7 Clarinet 8‘
8 Trumpet 8‘
9 Oboe 8‘
10 Tremulant
Great (Hauptwerk)
11 Dulciana 8‘
12 Lieblich Gedact 8‘
13 Hohlflöte 8‘
14 Open Diapason 8‘
15 Flute Octaviente 4‘
16 Principal 4‘
17 Fifteenth 2‘
Pedal
18 Open Diapason 16’
19 Flute 8‘
20 Bourdon 16‘
Koppeln: II/I, II/P, I/P, II/II 16‘ (durchkoppelnd)
Rein mechanische Trakturen, Tastenumfang Manual C-c4, Pedal C-f‘
Pfeifen der englischen Orgel aus der Endcliffe Methodist Church, Yorkshire, West Riding Sheffield, erbaut 1904 von Brindley & Foster, Sheffield.
Alle Windladen, Windversorgung, Trakturen, Spieltisch und Gehäuse neu gebaut durch Andreas Schmutz Orgelbau, Römerstein-Donnstetten.